Irgendwann hat sich „Klarheit“ ins Coaching-Vokabular eingenistet und ist nie mehr rausgegangen. Heute steht es auf jeder Website, in jedem Erstgespräch, in jedem LinkedIn-Post von jemandem, der anderen beim Denken hilft. „Ich begleite Menschen zu mehr Klarheit.“ „In diesem Prozess gewinnst du Klarheit.“ „Klarheit ist der erste Schritt zur Veränderung.“
Schön. Aber was bedeutet das?
Ein Wort, drei Baustellen
Wenn Coaches von Klarheit sprechen, meinen sie je nach Situation völlig unterschiedliche Dinge. Manchmal ist Klarheit eine Entscheidung, die jemand schon getroffen hat, aber noch nicht zugeben will. Manchmal ist es ein Ziel, das noch nicht formuliert ist. Manchmal ist es die Einsicht, dass das aktuelle Leben nicht mehr passt. Manchmal ist es einfach das Ende der Verwirrung, ohne dass irgendetwas konkret wird.
Das Wort deckt alles ab. Und was alles abdeckt, deckt nichts ab.
„Du wirst hier zu mehr Klarheit kommen“ sagt einem Klienten exakt so viel wie „Es wird besser“. Technisch stimmt beides meistens. Als Beschreibung eines Prozesses taugt es nichts.
Das Wort ist so beliebt, weil es so bequem ist
Klarheit klingt gut. Es klingt nach Licht, nach Durchblick, nach dem Moment, in dem der Nebel sich hebt. Sprachlich ist es fast unschlagbar: positiv, bildreich, niemand ist dagegen. Wer will schon Unklarheit?
Das ist das Problem. Wörter, gegen die niemand ist, sagen nichts aus. „Gesundheit“, „Wachstum“, „Potenzial“ sitzen in derselben Falle. Sie sind zu einem Versprechen geworden, das man nie einlösen muss, weil es nicht prüfbar ist. Hat der Klient am Ende Klarheit gewonnen? Er fühlt sich etwas besser. Also: ja, wahrscheinlich. Abgehakt.
Das Wort schützt auch den Coach. Wenn jemand fragt „Was passiert in deinen Sitzungen?“, ist „Die Klienten gewinnen Klarheit“ eine Antwort, die klingt wie eine Antwort, aber keine ist. Was genau passiert? Welche Methode? Worüber gewinnen sie Klarheit, und woran merken sie das?
Das Präzisionsproblem
Coaching hat ein generelles Präzisionsproblem, und Klarheit ist das Symptom dafür. Je unschärfer ein Begriff, desto breiter die Zielgruppe, desto einfacher die Kommunikation. Als Marketinglogik nachvollziehbar. Als Beschreibung einer Dienstleistung schlicht zu wenig.
Wenn ein Klient nicht weiß, ob er seinen Job kündigen soll, braucht er keine Klarheit. Er braucht jemanden, der mit ihm durchgeht, was er eigentlich will, was ihn hält, welche Szenarien er noch nicht zu Ende gedacht hat, was er riskiert und was es kostet, wenn er bleibt. Das ist ein anderer Prozess als wenn jemand drei konkurrierende Lebensentwürfe hat und nicht weiß, welcher zu ihm gehört. Oder wenn jemand merkt, dass er seit Jahren Entscheidungen trifft, die gar nicht seine eigenen sind.
Alle drei Situationen heißen im Coaching-Prospekt: Klarheit gewinnen. Dabei brauchen sie grundverschiedene Herangehensweisen.
Was stattdessen
Präzision kostet mehr Nachdenken, zahlt sich aber aus. Ein paar Beispiele:
„Klarheit über deine Ziele“ könnte heißen: Wir schauen, was du in zwei Jahren konkret erreicht haben willst und was dich gerade daran hindert, das überhaupt zu formulieren.
„Klarheit über dich selbst“ könnte heißen: Wir schauen, welche Werte dir tatsächlich wichtig sind und wo du gerade gegen sie handelst.
„Klarheit in Entscheidungssituationen“ könnte heißen: Wir schauen, welche Kriterien du wirklich anlegst, wenn du entscheidest, und welche du nur vorzulegen glaubst.
Alles länger. Aber ein Klient, der das liest, weiß, ob er das braucht oder nicht.
Das Wort loszuwerden lohnt sich
Wer aufhört, Klarheit zu versprechen, und anfängt zu beschreiben, was er wirklich macht, wird besser darin, es zu erklären. Und wer es besser erklären kann, versteht wahrscheinlich selbst genauer, was er tut.
Vage Sprache ist fast immer ein Symptom. Wenn ein Coach nicht sagen kann, was nach einer Sitzung anders ist als vorher und woran man das merkt, ist das eine inhaltliche Frage, keine rhetorische. Das fängt mit der Sprache an, hört aber nicht dort auf.